25. August 2015

Motivation: möglich oder unmöglich?

Nach dem geschäftlichen Teil kam ich mit einem unserer Kunden auch zum privaten Gespräch. Er fragte mich, wie ich zum Marketing gekommen bin. Ich erzählte ihm meine Geschichte und er meinte "wieso konnte ich diese Geschichte nirgends lesen?"
Schmunzelnd gebe ich zu: Wo er Recht hat, da hat er Recht. Also hole ich dies an dieser Stelle nach.

Wenn das unmöglich scheinende plötzlich möglich ist

Im Alter von 34 Jahren erlebte ich durch den vorgeburtlichen Tod meiner Tochter eine tiefe Depression. Damals hatte ich schon meine beiden Söhne. Obwohl sie noch relativ jung waren, halfen sie mir meinen Lebensmut wiederzufinden. Irgendwann abends sah ich im Fernsehen eine Dokumentation, in der es hieß "wer es mit 40 noch nicht geschafft hat, der wird es nie schaffen."Als ich das sah, war ich gerade 35, alleinerziehend mit zwei Kindern, Sozialhilfeempfängerin. Mit dem Gefühl, dem Tod meines Kindes einen Sinn zu geben, setzte ich mich hin und dachte intensiv über diese Aussage nach. Was würde sein, wenn meine Jungs grösser sind, mich nicht mehr brauchen? Was wäre, wenn ich das Baby bekommen hätte und mit dem Vater des Kindes zusammengezogen wäre? Nun, letzteres wollte ich nicht und ersteres lies sich nicht vermeiden. Dass die Kinder irgendwann erwachsen werden ist einfach eine biologische Tatsache.
Die Gedanken "Wer bin ich" und "Was will ich in meinem Leben erreichen" beschäftigten mich intensiv. Ich erstellte Listen. Auf einer stand, was ich gut kann. Auf einer anderen, was ich gerne mache. Die beiden Listen verband ich miteinander, holte mir vom Arbeitsamt ein Buch mit möglichen Berufen. So entstand eine dritte Liste, auf der die passenden Berufe standen. In der Bücherei recherchierte ich anschließend die Gehaltsklassen zu den Berufen. Da fielen dann sehr schnell die meisten meiner damaligen Ziele weg. Nur die Branche "Marketing" blieb stehen. Hier konnte ich kreativ sein, helfen und mein Wissen kontinuierlich ausbauen, da Marketing nie alt wird, sich ewig wandelt und den Bedürfnissen der Auftraggeber, Zielgruppen und Medien anpasst. Mich hatte die Faszination des Ziels gepackt. Vor meiner inneren Auge hatte ich mein Ziel schon erreicht.
Mit diesem Gefühl ging ich zum Arbeitsamt.
Dort saß ein älterer Herr, der mich wohlwollend anlächelte und erklärte "nein. Sie sind schon viel zu alt. Ein Studium bezahlen wir Ihnen nicht. Und dann auch noch mit zwei Kindern, da gehören Sie in dem Alter zu den schwer vermittelbaren, ganz gleich was Sie machen wollen." Ich schaute ihn groß an und fragte höflich, wie lange der Staat noch den Lebensunterhalt von mir und den Kindern finanzieren soll. Es sei doch viel günstiger mir eine gescheite Ausbildung zu finanzieren, damit ich zeigen kann, was ich kann. Das Gesicht des Sachbearbeiters werde ich wohl nie vergessen. Er schaute so verblüfft, dass ich ins Schmunzeln kam.
Um es kurz zu machen: Herr Sachbearbeiter fand einen EU-Topf zur Reintegration von schwer Vermittelbaren. Außerdem eröffnete er mir, dass es eine neue Medien-Akademie der IHK gäbe, die ein Pilotprojekt mit dem Personenkreis machte, in dem ich mich befand. Ergänzend hätten die teilnehmenden Personen auch die Möglichkeit eines vom Arbeitsamt bezahlten drei-monatigen Praktikums in einem Betrieb ihrer Wahl. Nachdem ich eingewilligt hatte organisierte er alles.
Ich kümmerte mich um die Unterbringung meiner Kinder. Die beiden Jungs gingen nach der Schule und in den Ferien zu einer Tagesmutter, an den anderen Zeiten war ich daheim.
Der Unterricht begann. Ich fragte unsere Lehrer nach dem Lehrplan, schließlich wollte ich es mit 40 geschafft haben. Das bedeutet lernen, lernen, lernen. Die Schulleitung fühlte sich offensichtlich unter Druck, denn mit den Überschriften wollte ich mich nicht abgeben und mehr als Überschriften konnten sie mir am Anfang nicht zeigen. Irgendwann kam dann auch die Info, dass ein Mitschüler vom Arbeitsamt gesagt bekommen hatte, dass es kein bezahltes Praktikum gäbe. Als diese Nachricht bei mir ankam, schrieb ich eine Entschuldigung für mein Fehlen am Unterricht, drehte mich postwendend um, marschierte zum Arbeitsamt und setzte mich so lange vor das Zimmer meines Sachbearbeiters, bis er sich Zeit für mich nahm. Das dauerte relativ lange. Er hatte vorher den ganzen Tag Termine und ich kam erst ganz zum Schluss dran. Wir konnten ruhig miteinander reden und ich erklärte ihm die Wichtigkeit des Praktikums für die Schüler dieses Pilotprojektes (alle schon älter) und für die Reintegration in die Arbeitswelt. Nachdem er mir vorher mitgeteilt hatte, dass die Praktikums-Förderung tatsächlich gestrichen worden sei, meinte er zum Schluss 'ich verstehe Sie und kümmere mich darum.' Das machte er auch und hatte Erfolg! Die ganze Klasse konnte im Anschluss an die Ausbildung ein drei monatiges Praktikum absolvieren. Als das bekannt wurde, hatten sie mich zur Klassensprecherin ernannt.
Mein Lernwille und der Engpass der Lehrer sorgten dafür, dass wir als Arbeitsamts-Teilnehmer ein relativ hohes Ausbildungslevel erreichten. Nicht alle, die mit uns starteten, konnten das Level wirklich erfüllen.
Wir waren als Klasse so gut, dass die Schule uns als Vorzeige-Klasse zu einer überregionalen Messe schickte. Die Vorbereitungen waren intensiv. Mit der Anleitung unserer Lehrer erstellten wir aussagefähige Werbematerialien und stellten diese an unserem Stand aus. Im Verlauf der Messe, als ich am Messestand war, kam ein komplett schwarz gekleideter Herr an den Stand. Schaute sich die Arbeiten an und meinte mit (in meinen Ohren) arrogant klingender Stimme etwas im Stil von "so schlechte Arbeiten habe ich selten gesehen". Wer mich damals kannte wusste, dass das so nicht stehen blieb. Ich drehte mich zu ihm um, schaute ihm in die Augen und forderte ihn heraus "Das ist eine ziemlich destruktive Kritik, können Sie das auch konstruktiv?" Er stutze, auf dem Messestand war es urplötzlich so ruhig, man hätte eine Stecknadel fallen hören. Danach drehte er sich zu den Arbeiten um und begann seine Erklärung zu jeder Arbeit abzugeben. Wir unterhielten uns angeregt und ich verstand, wie es zu seiner Äußerung kam. Ich bedankte mich, er ging seiner Wege und ... stand plötzlich auf der Bühne um als Gast-Redner einen Vortrag über Marketing zu halten. Ich hätte mich am liebsten in ein Mausloch verkrochen, so peinlich war mir das in dem Moment der Erkenntnis. Denn erst zu dem Zeitpunkt merkte ich, dass in dem Tross, der mit ihm kam, auch der Oberbürgermeister von Freiburg und  einige andere renommierte Persönlichkeiten befanden.
Damit das jetzt hier nicht zu lange wird: ich wurde nach Bonn zum Assessment-Center eingeladen. Es ging um ein Auswahlverfahren für ein Stipendium.
Als ich dort ankam, waren lauter junge Menschen um mich herum. Ich war deutlich die älteste, fühlte mich auch so und dachte nur 'was kann ich verlieren - nichts. Im schlimmsten Fall hast du einen interessanten Tag ohne Folgen.' Das lies mich ruhiger werden.
Im Ergebnis erhielt ich das Stipendium, machte eine Zusatzprüfung zur Abi-Anerkennung und konnte nebenberuflich studieren. Damals erschien mir das alles wie in einem Film, total selbstverständlich. Wer sich auf sein Ziel fokussiert, erreicht es auch. Da war kein Hauch von 'kann es erreichen' sondern der Fakt, dass das Ziel erreicht ist und ich mich lediglich auf dem Weg dorthin befinde.
Zu der Zeit war ich schon im Praktikum. Meine Praktikums-Anleiterin erzählte mir, dass gerade eine Account Manager-Stelle frei sei. Im Ausschreibungstext standen Wunschangaben wie jung, studiert mit Praxiserfahren. Nun ja, ich war weder jung, noch hatte ich mein Studium angefangen und die Praxiserfahrung beschränkte sich auf meine Ausbildung in der Medien-Akademie. Meine damalige Cheffin meinte 'bewirb dich, du hast nichts zu verlieren.' Also gab ich meine Bewerbung ab und wurde wieder zu einem Assessment-Center eingeladen. Nun waren die anderen Teilnehmenden ein wenig älter, dennoch deutlich jünger als ich. Alle top gestylt, ich fühlte mich als Mama von zwei Kindern und kleidete mich damals so wie ich mich fühlte, unattraktiv. Da ich mir Null Chancen gab, war ich sehr locker. Wir wurden unter anderem auf unsere Teamfähigkeit geprüft. Die anderen Teilnehmer hatten mich ungefragt zu ihrer Cheffin gekürt. Das kam mir total komisch vor. Ich spielte dennoch mit. Den Ton angeben musste ich auch zuhause bei meinen Kindern. Es kam wie es kommen durfte. Ich erhielt den Job und war plötzlich Account Managerin im Direktmarketing, zuständig für neun Verlage. Im nachhinein wurde ich dann ausgewählt um den online Vertrieb aufzubauen. Langsam wuchs die Abteilung und wir entwickelten ein System mit Referenz-IDs, damit die Vertriebspartner wissen was bei uns verkauft wurde und wir wussten, welche Werbemaßnahmen gut oder schlecht waren. Dort arbeitete ich circa zwei Jahre und wechselte anschließend zu einer Marketing-Agentur in Zürich. In leitender Funktion baute ich den damals größten Schweizer Online Zeitschriften Kiosk auf. Es war super spannend und extrem lehrreich. An meinem 40. Geburtstag konnte ich sagen "Ja, ich habe es geschafft." Rückblickend und andere motivierend darf ich feststellen: Wer ein Ziel hat, dieses fühlt, in sich schon als Ergebnis sieht und bereit ist, auch wirklich für dieses Ziel zu arbeiten, der erreicht alles, was er/sie sich vorstellen kann.

Heute arbeite ich im eigenen Unternehmen als Marketing-Mentorin und Entspannungspädagogin. Gebe mein Wissen in Einzel- und Teamschulungen, als auch Vorträgen weiter. Das Leben ist schön, ich lade dich ein es zu genießen und dir deine Ziele zu visualisieren. Wenn du sie wirklich erreichen möchtest, ist vieles unmöglich scheinende plötzlich möglich.

Herzliche Grüsse,

Karin 

Karin Pietzek, www.kybkom.de 







Kommentare:

  1. Das ist eine echte Mut-mach-Geschichte! Es lohnt sich immer, das Ziel fest im Blick zu haben, am besten als bereits vorhandene Wirklichkeit. Das wirkt!

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  2. Wirklich toll diese Geschichte. Ziele im Blick haben, aber sich auch hohe Ziele stecken! War letztens auch auf einer tollen Messe mit modernen Messständen, die u.a. Displaysysteme angeboten haben. Klasse! LG

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